Archiv für den Monat November 2014

Best practice: Thanksgiving im Jahr 2049 und der Klimawandel – eine Mouseclick-Interaktion

Was zeichnet eigentlich eine gelungene E-Learning-Interaktion aus? Eine Interaktion, bei der Inhalt und Form so zusammenwirken, dass sie bei den Betrachtern den bestmöglichen Lerneffekt erzielen?
Auf der Website des englischen Guardian fand sich diese Woche unter der Überschrift „Thanksgiving of the future: how climate change could transform our food“ eine solche gelungene Interaktion. Unser Beispiel, eine klassische Mouseclick-Interaktion, vermittelt anschaulich und eingängig die Folgen einer möglichen Erderwärmung im Alltag.

IMG_1878-1.PNG

Screenshot

Was beeindruckt nun an dieser Interaktion formal und inhaltlich?
1. Aufbau:
Die Vogelperspektive ist ungewöhnlich und überrascht. Der Betrachter identifiziert sich mit der am Tisch sitzenden Person und wird so quasi in das Thema „hineingesogen“. Gleichzeitig vermittelt der symetrische Bildaufbau Ruhe und Stabilität nach dem Motto: Was wir euch hier zeigen, das ist solide, glaubhaft und hat Hand und Fuß. So transportiert die Grafik Vertrauen in die Inhalte. Der Bildaufbau dient der inhaltlichen Botschaft.
2. Farbgebung:
Die Farbe der Tischplatte ist ein echter Hingucker. Die Hotspots in roter Farbe bieten dazu einen starken Kontrast und lenken so die Aufmerksamkeit des Betrachters. Rot ist allerdings Warn- und Signalfarbe. Inhaltlich passend, aber vielleicht nicht die einladendste Farbe, um aktiv zu werden, d. h. anzuklicken. Das weiße Kreuz auf den roten Buttons lässt Assoziationen zum Roten-Kreuz aufkommen. Möglicherweise wäre hier ein Fragezeichen die bessere Wahl gewesen.
3. Fooddesign:
Die Speisen sind der modernen Küche angepasst sehr reduziert dargeboten. Der Truthahn (auf einem Drahtgeflecht?) dominiert. Insgesamt wirkt die Anordnung leicht ironisierend, behaglich geht anders. Wäre aber auch dem Thema nicht angemessen.
4. Emotion:
Als kleine Gags fungieren die beiden Kakteen. Sie verstärken die inhaltliche Aussage, ohne gleich die Alarmismus-Keule zu schwingen wie es zum Beispiel der Fall wäre, wenn der Tischhintergrund aus rissigem, vertrocknetem Erdboden bestünde. Diese humorvollen Einsprengsel sprechen die Betrachter emotional an und laden bei aller Ernsthaftigkeit zum Schmunzeln ein, was ja auch den Lerneffekt steigert, wie ich in einem anderen Blogpost (Humor – der Kickstarter für jedes E-Learning?!) ausführte.
5. Text:
Nach Klick auf die Hotspots öffnen sich jeweils Layer, die sich über die gesamte Fläche legen. Die Layer stehen visuell in starkem Kontrast zur Ausgangsgrafik. Hier dominiert kühles Blau und Weiß. Das jeweilige Nahrungsmittel wird skizziert, um den textlastigen Layer aufzulockern. Hier schließt sich auch ein Kritikpunkt an: Der Text ist wenig gegliedert. Als reiner Fließtext kommt er eher unstrukturiert daher, setzt zu wenige Schwerpunkte. Fettungen und Bulletpoints könnten die Übersichtlichkeit steigern.

 

IMG_1879.PNG

Screenshot

Fazit:
Die Interaktion ist ein durchaus gelungenes Beispiel, das zeigt, wie ein komplexer Sachverhalt auf die Alltagsebene heruntergebrochen werden kann. Interessante und überraschende visuelle Lösungen erfreuen die Betrachter und motivieren, sich mit den Inhalten zu beschäftigen. Form und Inhalt bilden ein harmonisches Ganzes. E-Learning, wie es sein sollte. Was denken Sie?
Neben der Redakteurin war die Londoner Agentur Nice and Serious an der Erstellung beteiligt.

P. S.: Nur was hat es mit dem seltsamen Besteck auf sich?

Advertisements
Getaggt mit , , , , ,

Das „Sensory Fiction“-Buch – Gadget oder Lernwerkzeug?

Steht das „Sensory Fiction“-Buch für die Zukunft des Lesens und damit auch des interaktiven Lehr- und Lernbuchs? Oder ist es nur eine Spielerei?

Doch zunächst: Worum geht es überhaupt?

Studenten des renomierten MIT Media Lab (Massachusetts Institute of Technology) haben ein Mitfühl-Buch entwickelt, das dem Lesenden hautnah (!) die Emotionen eines Storyhelden vermittelt. Wie funktioniert nun dieses Gerät?

Quelle: MIT Media Lab

Vor dem Lesevergnügen schnalle ich mir eine Art Mitfühl-Weste um. Diese Weste ist mit verschiedenen Elementen wie Kompressionskissen, Wärmeplatten und Vibrationsmotoren ausgestattet.  Zusätzlich unterstützen visuelle und akustische Signale im Einband das Leseerlebnis.

suit1

Quelle: MIT Lab

Der Held hat Angst? Die Luftkissen dehnen sich aus und vermitteln das Gefühl der Beklemmung. Die Heldin ist außer Atem? Die Vibrationsmotoren simulieren verstärkten Herzschlag.  Der Held ist verliebt? Die Wärmeplatten heizen sich auf.

suit2-1024x682

Quelle: MIT Lab

Das „Sensory Fiction“-Buch hilft dem Leser, die Gefühle des Helden nachzuempfinden.

Ja, aber reicht denn dazu die Vorstellungskraft nicht aus? Müssen wir uns dazu verkabeln? Wer braucht so etwas?

Hmm, zunächst einmal dürfte die Anwendung ziemlich Spaß bereiten! Man stelle sich beispielsweise ein Quidditch-Match vor, bei dem einem via Mitfühl-Weste Harrys und R0ns Emotionen zusätzlich körperlich vermittelt werden.

Doch möglicherweise bietet das „Sensory Fiction“-Buch nicht nur ein gesteigertes, taktiles Leseerlebnis, sondern eröffnet auch im E-Learning-Kontext ungeahnte Möglichkeiten.

Stellen wir uns ein interaktives „Sensory Fiction“-Buch vor, wie es bei einer Softskill-Schulung zum Thema „Empathie“ eingesetzt werden könnte.

Setting 1: Mitarbeitergespräch

Unser Lerner, hier z. B. die  Führungskraft Anna B., trägt die Mitfühl-Weste und liest gleichzeitig das interaktive „Sensory Fiction“-Buch. Dort befindet sie sich gerade in einem virtuellen Mitarbeitergespräch, in dem sie einem virtuellen Gegenüber das entsprechende Feedback geben soll. Anna B. hat nun verschiedene Antwortmöglichkeiten. Jede dieser Antworten löst bei ihrem virtuellen Gegenüber unterschiedliche Emotionen aus.

Mittels der Mitfühl-Weste erfährt Anna B. nun unmittelbar, welche Emotionen bzw. Körperreaktionen ihre Worte bei dem virtuellen Mitarbeiter auslösen, was er oder sie also gerade empfinden wie zum Beispiel Freude oder auch  Angst. Anna B. erfährt so ganz unmittelbar auf körperlicher Ebene, was ihre jeweiligen Worte auslösen.

Und der Lerneffekt? Anna B. lernt, die mögliche Wirkung ihrer Worte besser einzuschätzen und zu wählen. Sie denkt über die Wirkung ihrer Worte nach und steigert und verbessert so ihre Empathiefähigkeit! Dies stärkt wiederum ihre soziale und emotionale Kompetenz!

Setting 2: Verkaufsverhandlung

Ähnliches ist auch für eine Verkaufsschulung denkbar: Wie reagiert mein virtueller Kunde auf meine Aussage? Was fühlt er? Stimmen seine Worte und Gefühle überhaupt überein? Erhalte ich z. B. verbal freundliche Antwort, die ganz und gar nicht mit dem körperlichen Reaktionen übereinstimmen. Als Lerner wird mir die Diskrepanz zwischen Worten und der wirklichen Stimmungslage so bewusster.

Fazit: Wirken das „Sensory Fiction“-Buch und die Mitfühl-Weste auf den ersten Blick wie ein lustiges Gadget, erscheinen sie bei genauerer Betrachtung als ein durchaus faszinierendes Tool, das mannigfaltige Lernprozesse in Gang setzen kann.

Und was denkt ihr/denken Sie über das „Sensory Fiction“-Buch? Welche weiteren Lernmöglichkeiten könnte es eröffnen?

Ich freue mich auf euer/ Ihr Feedback!

 

Einen ersten Eindruck vermittelt übrigens dieses Video:

http://vimeo.com/84412874

Getaggt mit , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: